Veröffentlicht am: 01.06.2026
Gedanken zum Theaterstück „Weltwärts“
Im Mai 2026 machte die TelefonSeelsorge Augsburg seine Ehrenamtlichen auf das Theaterstück „Weltwärts“ im Staatstheaters Augsburg aufmerksam. Einige der Ehrenamtlichen folgten dieser Empfehlung und erlebten einen ganz besonderen Theaterabend. Es wurde hier die Geschichte von Anna erzählt, die einen „Assistierten Suizid“ für sich plant. Das Stück zeigt auf eindrückliche Weise, wie unterschiedlich in einem Familienverband und im Freundeskreis mit diesem Thema umgegangen werden kann.

Einen Teilnehmer hat dieser Theaterabend auf ganz besondere Weise bewegt und er sandte anschließend folgende Zeilen an die TelefonSeelsorge Augsburg:
Ich möchte Euch von einem Theaterabend erzählen, der mich nicht losgelassen hat.
Am 27. Mai habe ich im Staatstheater Augsburg „Weltwärts” von Noah Haidle gesehen. Das Stück erzählt von einer unheilbar kranken jungen Frau, die sich für einen selbstbestimmten Tod entscheidet und gemeinsam mit ihrer Familie eine Abschiedszeremonie gestaltet.
Der Abend hat mich tief berührt – weil er keine einfachen Antworten gibt, sondern menschliche Nähe zeigt: mitten in Angst, Abschied, Streit, Humor, Liebe und Überforderung.
Besonders bewegend war für mich die siebenjährige Tochter Rose. Immer wieder fragt sie ihre Mutter: „Was werden Deine letzten Worte sein?” Darin steckt etwas sehr Menschliches: die Sehnsucht, dem Abschied Bedeutung zu geben – den geliebten Menschen nicht einfach verschwinden zu lassen. Rose spricht auch davon, dass ein Mensch nach seinem Tod weiterlebt – in Erinnerungen, Gesten, Stimmen, im Wind, im Regen. Dass uns nicht die Schwerkraft zusammenhält, sondern Liebe. Diese Vorstellung hatte etwas sehr Tröstliches. Und sie erinnert mich daran, wie oft Menschen in der Seelsorge genau das suchen: die Gewissheit, dass jemand bleibt – auch wenn er geht.
Eine zentrale Figur ist die Mutter und Hebamme Dorothy. Sie begleitet nicht nur Geburten, sondern später auch Sterbende – und beschreibt, dass Menschen am Anfang und am Ende des Lebens oft dasselbe brauchen: Ruhe. Sicherheit. Nähe. Jemanden, der Angst mitträgt. Der Satz „Angst ist unser größter Feind – ob bei der Geburt oder beim Tod” hat lange in mir nachgeklungen. Vielleicht weil er so schlicht ist – und so wahr.
Besonders eindrücklich fand ich auch, dass ausgerechnet Dorothy – die viele Sterbende begleitet hat und so klar über Loslassen sprechen kann – an die Grenzen ihrer eigenen Haltung kommt, als es um ihre Tochter geht. Plötzlich ist sie nicht mehr Begleiterin, sondern Mutter. Sie sagt sinngemäß: „Als Mutter ist meine Aufgabe, Dich festzuhalten und zu beschützen.“ Gerade darin lag für mich eine große Wahrheit: Es gibt Situationen, in denen Menschen trotz aller inneren Klarheit einfach lieben, festhalten und nicht verlieren wollen.
Auch die Schwester der Sterbenden hat mich sehr berührt. Sie versucht, den Wunsch ihrer Schwester zu respektieren – und kämpft gleichzeitig verzweifelt dagegen an. Immer wieder sagt sie sinngemäß: „Ich will Dich loslassen. Aber ich will mehr Zeit.“ Diese Ambivalenz wirkte auf mich sehr wahr. Menschen können lieben und gleichzeitig festhalten wollen. Sie können verstehen – und dennoch protestieren. Diese Gleichzeitigkeit begegnet uns auch in der Telefonseelsorge immer wieder: bei Krankheit, Trennung, Sterben oder anderen existenziellen Krisen.
Sehr eindrücklich war auch die Figur des Polizeibeamten Owen. Er tritt zunächst als Vertreter von Gesetz und Ordnung auf. Dann erzählt er vom qualvollen Sterben seines Vaters – von Hilflosigkeit, Kontrollverlust und Würdeverlust. Plötzlich steht hinter der Rolle des Polizisten ein verletzter Sohn. Das kenne ich aus vielen Gesprächen in der Telefonseelsorge: Hinter Härte, Wut oder Kontrolle liegen oft Angst, Schmerz und Trauer. Manchmal braucht es nur einen einzigen Satz – und die Rüstung fällt.
Auch die scheinbar skurrile Figur des Nachbarn Kevin bekam für mich im Laufe des Abends Tiefe. Hinter seinem chaotischen und oft grenzüberschreitenden Verhalten wurde immer mehr Einsamkeit und die Sehnsucht sichtbar, dazugehören zu dürfen. Das erinnerte mich daran, wie oft hinter „anstrengendem“ Verhalten eigentlich ein ungelebter Wunsch nach Beziehung steckt.
Eine weitere besondere Figur war der Onkel Polly – Zahnarzt, Schauspieler und Mitgestalter der Abschiedszeremonie. Hinter seiner exzentrischen und oft humorvollen Art wurde spürbar, wie sehr Menschen versuchen, auch dem Sterben Würde, Schönheit und Menschlichkeit zu geben.
Humor, Musik, Rituale und gemeinsames Spiel wurden im Stück immer wieder zu einer Form, Angst und Schmerz miteinander zu tragen. Auch das hat mich an viele Gespräche erinnert: Menschen gehen sehr unterschiedlich mit Leid um – manche mit Rückzug, andere mit Kontrolle, wieder andere mit Humor, Kunst oder Ritualen.
Sehr berührt hat mich auch die Liebeserklärung des Geigenlehrers Louis. Er sagt sinngemäß: „Ich will Dich nicht festhalten. Wenn das Dein Weg ist, lasse ich Dich los.“ Gerade weil darin kein Besitzanspruch mehr lag, sondern Liebe und Freiheit zugleich, hatte diese Szene große Tiefe. Ein Gedanke zog sich durch den ganzen Abend: Liebe ist loslassen. Und gleichzeitig: Menschen wollen gesehen, gehalten und erinnert werden. Das ist fast ein Widerspruch – und doch kein Widerspruch.
Vielleicht ist genau diese Spannung der Kern von Begleitung: jemanden halten, ohne ihn festzuhalten.
Was mich am meisten beeindruckt hat: Die Menschen in diesem Stück sind nicht nur traurig oder verzweifelt. Sie lachen, streiten, essen gemeinsam, machen Witze, erinnern sich, gestehen Schuld, haben Angst – und hoffen trotzdem weiter. Gerade dadurch wirkte vieles sehr wahr. Besonders die Atmosphäre der Abschiedszeremonie am Ende: Nicht Perfektion stand im Mittelpunkt, sondern Beziehung. Nicht das richtige Wort – sondern das Dasein.
Vieles daran hat mich an unsere Arbeit erinnert. Oft geht es in der Telefonseelsorge nicht darum, Antworten zu haben oder Probleme zu lösen. Sondern darum, Menschen in existenziellen Momenten beizustehen – zuzuhören, mit auszuhalten, Würde zu bewahren und dazu beizutragen, dass sich jemand weniger allein fühlt. Vielleicht gehört genau das zum Wertvollsten, was wir tun können.
Telefonseelsorge®